Google Suchergebnisse: Voller Spam durch Expired Domains und Reddit
Googles Suchergebnisse haben ein Spam-Problem. Nicht irgendwann, nicht vielleicht – jetzt, messbar, belegt durch eine deutsche Forschungsstudie. Wer heute nach einem Produktvergleich sucht, scrollt durch Affiliate-Farmen auf aufgekauften Domains, an Trustpilot-Seiten vorbei, die mit der Suche nichts zu tun haben, und durch maschinell übersetzte Reddit-Threads, die Google bis vor kurzem selbst als Spam eingestuft hat.
Das Frustrierende daran: Google kennt die Misere und hat Regeln dagegen – hält sich aber selbst nicht daran. Die eigenen Spam-Richtlinien beschreiben die Missstände millimetergenau, die Updates ändern wenig, und im Hintergrund hat der Konzern Qualitätsfilter abgebaut, weil bessere Suchergebnisse den Anzeigenumsatz drückten. Auch das jüngste Core Update, das vor wenigen Tagen ausgerollt wurde, hat nichts verbessert – im Gegenteil: Es hat noch mehr Spam in die Suchergebnisse gespült. Gerade im Glücksspielbereich, aber ausdrücklich nicht nur dort, dominieren aufgekaufte Expired Domains voller KI-generierter Texte die SERPs. Was folgt, ist eine Bestandsaufnahme mit Zahlen, Experten und einer klaren Meinung.
Bis zu zwei Drittel der Ergebnisse sind Müll – das sagt die Forschung
Dass Google schlechter geworden ist, spürt jeder, der regelmäßig sucht. Dass es messbar schlecht ist, hat ein Forscherteam der Uni Leipzig und der Bauhaus-Uni Weimar bewiesen. Über ein Jahr lang haben Janek Bevendorff und sein Team 7.392 Suchanfragen systematisch ausgewertet – bei Google, Bing und DuckDuckGo gleichzeitig. Das Ergebnis: Zwischen 40 und 66 % der Links auf Seite 1 führen zu minderwertigen Inhalten. Affiliate-Link-Farmen, zusammengeklaute Texte, SEO-optimierter Müll ohne echten Informationswert.
Und nein, das ist kein reines Google-Problem. Bing und DuckDuckGo zeigten dasselbe Muster. Das Problem liegt tiefer – im gesamten System aus Suchmaschinenoptimierung und Affiliate-Monetarisierung, das sich gegenseitig hochschaukelt. Wer SEO-Spam produziert, verdient über Affiliate-Links – und wer über Affiliate-Links verdient, investiert in noch mehr SEO-Spam.
Was die Sache seit 2023 nochmal verschärft hat: KI-generierte Inhalte. Früher war Massencontent teuer, weil jemand tippen musste. Heute spuckt ein Sprachmodell in Sekunden einen 2.000-Wörter-Artikel aus, der alle SEO-Kriterien erfüllt – aber keinen einzigen echten Gedanken enthält. Google rollt zwar regelmäßig Spam-Updates aus, und nach jedem sinkt die Spam-Quote kurzzeitig. Dann füllen sich die Suchergebnisse wieder. Katz-und-Maus, und die Katze verliert.
Expired Domain Spam – Google verbietet es, tut aber nichts dagegen
Expired Domain Spam ist eine der dreistesten Manipulationen in den Google Suchergebnissen – und eine, die Google selbst explizit verbietet. Das Prinzip: Jemand kauft eine abgelaufene Domain, die noch Vertrauen bei Google genießt – über Backlinks, also Verlinkungen von anderen Webseiten, die Google als Qualitätssignal wertet. Die ehemalige Webseite eines Arztes, eines Museumsvereins, einer geschlossenen Firma. Dann wird die Domain mit komplett neuen Inhalten befüllt, meistens Casino-Affiliate-Seiten oder Produktvergleichs-Farmen. Die Domain erbt das Vertrauen der Vorgängerseite, und der Spam rankt sofort auf Seite 1.
Google hat Expired Domain Abuse im March 2024 Spam Update offiziell in die Spam-Richtlinien aufgenommen. Die Beispiele dort klingen, als hätte jemand das Problem verstanden: "Casino-related content on a former elementary school site", "Affiliate content on a site previously used by a government agency", "Commercial medical products being sold on a site previously used by a non-profit medical charity." Casino auf einer Grundschul-Domain. Affiliate-Werbung auf einer Behörden-Seite. Man sollte meinen, das wäre eindeutig genug.
Die Realität sieht anders aus. Harry Clarkson-Bennett, SEO Director beim Telegraph, hat es treffend zusammengefasst: "Google's algorithms appear to be rewarding the very abuse they were designed to stop." Er beschreibt, wie eine ehemalige Webseite der London Road Safety zur Wett-Seite umfunktioniert wurde – und sofort rankte. Laut Charles Floate schleusen manche Betreiber über diese Methode mehrere hunderttausend Pfund im Monat.
Meine Einschätzung: Das Problem liegt an der Wurzel. Google gewichtet Backlinks immer noch viel zu stark als Ranking-Signal – egal was die offiziellen Statements behaupten. Wenn eine tote Domain eines Landarztes innerhalb von Wochen für illegale Glücksspiel-Keywords rankt, beweist das genau eins: Die alten Backlinks vererben Vertrauen, ohne dass Google die Inhalte dahinter prüft. Wenn es in Googles Algorithmus tatsächlich einen Trust Score gibt, ist er das schlechteste Stück Code, das je geschrieben wurde. Google hat Regeln gegen Expired Domain Abuse – und null Durchsetzung. Die Richtlinien beschreiben den Missbrauch millimetergenau, aber die Seiten stehen weiter in den Ergebnissen.
Trustpilot in den Suchergebnissen – das Wort "Trust" steht nur im Namen
Such bei Google nach einem konkreten Produkt, einer Software oder einem Dienstleister – und in den Top 10 taucht mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Trustpilot-Seite auf. Nicht weil Trustpilot relevante Informationen zu deiner Suchanfrage liefert, sondern weil Google die Plattform wie eine autoritative Quelle behandelt. Nur: Die Bewertungen dort sind alles andere als vertrauenswürdig.
Die Wettbewerbszentrale hat zusammen mit dem SPIEGEL einen Test durchgeführt, der das eindrücklich belegt. Zwischen Oktober 2024 und Februar 2025 wurden 86 komplett gefälschte Bewertungen auf Trustpilot eingereicht. 31 davon veröffentlicht. Durchlassquote: 36 %. Mehr als jede dritte Fake-Bewertung ist durchgerutscht, obwohl Trustpilot eine Null-Toleranz-Politik gegen Fake-Reviews behauptet.
Domains, die illegale Casinos bewerben – versehen mit gefälschten Fünf-Sterne-Bewertungen – bleiben selbst nach einer Meldung wochenlang oder dauerhaft online. Wohlgemerkt: Es geht hier nicht um geschönte Rezensionen für irgendeinen Onlineshop. Es werden Seiten mit nachweislich illegalen Inhalten durch fabrizierte Bewertungen weißgewaschen, und das angeblich so vertrauenswürdige Trustpilot lässt diesen Scam seelenruhig stehen. Google wiederum sieht das Trustpilot-Siegel und winkt durch – ist ja eine Autoritätsquelle, muss seriös sein, verdient seinen Platz in der ohnehin schon zugespammten Suche.
Trustpilot selbst behauptet in seinem Transparenzbericht 2024, dass 82 % der Fälschungen automatisch und weitere 18 % manuell erkannt werden – macht zusammen angeblich 100 %. Die Zahlen der Wettbewerbszentrale sagen etwas völlig anderes. Und Google? Google pumpt diese Plattform trotzdem in die Top-Ergebnisse. Für Suchanfragen, bei denen eine Bewertungsseite überhaupt nichts zur Antwort beiträgt. Du suchst nach einem technischen Fehler, Google zeigt dir eine Trustpilot-Seite mit drei Sternen und anonymen Beschwerden. Das ist keine Suchhilfe, das ist SERP-Verschmutzung – SERP steht für Search Engine Results Page, also die Ergebnisseite bei Google.
Reddit überall – wie Google seinen Partner bevorzugt
Reddit ist in den deutschen Google Suchergebnissen explodiert. Nicht weil die Inhalte besser geworden sind, sondern weil Google einen Deal gemacht hat – und danach die eigenen Regeln angepasst hat.
Die Zahlen sprechen für sich
Laut Sistrix-Daten hat Reddits Sichtbarkeit bei Google Deutschland um 237 % zugelegt. Die Plattform steht jetzt auf Rang 48 der sichtbarsten Domains – vor Tagesschau, Stern und FAZ. Fast die Hälfte dieser Sichtbarkeit basiert auf maschinell übersetzten Inhalten: 72,57 von 157,53 Sistrix-Sichtbarkeitspunkten gehen auf automatische Übersetzungen zurück. Threads, die auf Englisch geschrieben wurden, von Bots ins Deutsche übersetzt, oft holprig, inhaltlich veraltet und für deutsche Nutzer bestenfalls irrelevant.
In den USA ist das Bild noch extremer. Reddit kletterte innerhalb von anderthalb Jahren von Rang 80 auf Rang 3 bei Google. Lily Ray, eine der bekanntesten SEO-Analystinnen, nennt es "das größte Sichtbarkeitswachstum in der Geschichte von Google Search." Und das Timing ist kein Zufall: Anfang 2024 schloss Google eine Partnerschaft mit Reddit, um dessen Daten für KI-Training zu nutzen. Google bestreitet eine Bevorzugung. Die Daten erzählen eine andere Geschichte.
Reddit bei Gesundheit und Finanzen – wo es gefährlich wird
Reddit taucht nicht nur bei harmlosen Hobby-Fragen auf. Die Plattform wird auch bei gesundheitskritischen und finanzkritischen Suchanfragen prominent ausgespielt – Themen, die Google selbst als YMYL klassifiziert. YMYL steht für "Your Money, Your Life" und bezeichnet Inhalte, bei denen falsche Informationen echten Schaden anrichten können. Googles eigene Quality Rater Guidelines verlangen, dass bei solchen Themen nur Inhalte mit nachgewiesener Expertise ranken.
Die Realität: Anonyme Reddit-User ohne jede Qualifikation geben medizinische Ratschläge, Finanz-Tipps und rechtliche Einschätzungen. Google platziert diese Beiträge über Inhalte von Fachärzten, Finanzberatern und Fachjournalisten. Dass Google seine eigenen Qualitätsstandards für User-generated Content eines Geschäftspartners über Bord wirft, sagt mehr über die Prioritäten des Konzerns als jedes Spam-Update.
Googles Spam-Richtlinien sagen das Gegenteil
Bis zum 5. März 2024 stuften Googles Spam-Richtlinien maschinelle Übersetzungen explizit als Spam ein. Dann wurde der Passus still und leise entfernt – zeitlich genau passend zum Reddit-Sichtbarkeitsanstieg. Was vorher Spam war, ist plötzlich keiner mehr. Die übersetzten Reddit-Threads enthalten teilweise selbst Affiliate-Links und Spam-Inhalte – aber das stört Google nicht, solange der Geschäftspartner profitiert. Die eigenen Regeln werden umgeschrieben, wenn sie dem Deal im Weg stehen. So viel zur Glaubwürdigkeit der Spam-Politik.
Warum Google die Suche selbst kaputt gemacht hat
Die naheliegende Erklärung wäre: Google kann den Spam nicht kontrollieren, die Gegenseite ist zu clever. Die Wahrheit ist unbequemer. Google hat die eigene Suche aktiv verschlechtert – dokumentiert, belegt, teilweise durch interne E-Mails bestätigt.
Edward Zitron hat die "Code Yellow"-Dokumente öffentlich gemacht, die im Rahmen des US-Kartellverfahrens gegen Google herauskamen. Die E-Mails zeigen: Google hat 2019 bewusst Qualitätsfilter abgebaut, weil bessere Suchergebnisse den Anzeigenumsatz drückten. Bessere Ergebnisse, weniger Klicks auf Werbung. Also bleiben die Ergebnisse schlecht. Unter Prabhakar Raghavan, vorher Chef von Google Ads und dann Leiter der Google-Suche, verschob sich der Fokus endgültig von Nutzerqualität zu Monetarisierung. Im Oktober 2024 wurde er abgelöst, Nick Fox übernahm – ob sich seitdem etwas grundlegend geändert hat, ist bisher nicht erkennbar.
Meine Einschätzung zum March 2024 Core Update: Es hat kleine Seiten mit gutem Content durch Müll von Großverlagen und Reddit-Spam ersetzt. HouseFresh, ein unabhängiges Testportal für Luftreiniger, verlor 91 % seines Suchtraffics – nicht weil die Inhalte schlecht waren, sondern weil Forbes Advisor und Dotdash Meredith die gleichen Keywords mit massenhaft produzierten Artikeln überfluteten. "Keyword Swarming" nennt sich die Taktik: Dutzende Artikel zum selben Thema publizieren, bis die Konkurrenz ertränkt ist. Das letzte Core Update hat dann noch Trustpilot-Müll oben draufgepackt und weitere kleine Seiten nach unten gedrückt.
Dasselbe Muster zeigt sich beim "Missbrauch des Websiterufs" – einer Taktik, die Google in den eigenen Spam-Richtlinien ausdrücklich verbietet. Die Regel ist eindeutig: Wenn eine Website Drittanbieterinhalte hostet, nur um deren Ranking über den eigenen guten Ruf aufzublasen, ist das Spam. In den USA hat Google tatsächlich durchgegriffen. Forbes Advisor verlor 43 % Sichtbarkeit, CNN Underscored 63 %, Time Stamped sogar 97 %. In Deutschland? Nahezu nichts. Dabei betreiben hier große Verlage genau das im industriellen Maßstab: Subdomains oder Verzeichnisse werden an Affiliate-Marketer vermietet, die dort Sportwetten-Werbung, Casino-Vergleiche und angebliche Produkttests platzieren – Seiten, die aus kaum mehr als einer Tabelle mit Affiliate-Links bestehen. Redaktionelle Substanz? Null. Aber der Verlag hat tausende Backlinks, also rankt der Müll auf Seite 1. Ein kleiner Affiliate, der ein Produkt wirklich getestet hat, steht derweil auf Seite 5. Hier schließt sich der Kreis: Solange der Algorithmus Vertrauen über Links statt über Inhalte misst, hat eine junge oder kleine Webseite keine echte Chance. Wer nicht gefunden wird, bekommt keine Backlinks – und wer keine Backlinks hat, wird nicht gefunden. Ein Teufelskreis, den Google mit jedem Update zementiert statt aufzubrechen. Erst wenn der Algorithmus Inhalte statt Verlinkungen belohnt und Google die eigenen Regeln auch in Deutschland durchsetzt, wird sich daran etwas ändern.
Googles Suchanfragen pro US-Nutzer sind im Vorjahresvergleich um 20 % gefallen. Die Nutzer wandern ab – zu ChatGPT Search, zu Perplexity, zu anderen Tools, die Antworten liefern statt Anzeigen. Googles Algorithmus ist nicht kaputt. Er funktioniert genau so, wie Google es will. Kein technisches Versagen – sondern ein Geschäftsmodell, das Werbeeinnahmen über Nutzerqualität stellt. Die Spam-Updates sind Kosmetik. Keine Lösung.
Was du tun kannst – echte Alternativen zur Google-Suche
Komplett auf Google verzichten ist für die meisten unrealistisch. Aber du kannst den Schaden begrenzen – und für viele Alltagssuchen gibt es Alternativen, die schlicht bessere Ergebnisse liefern.
DuckDuckGo ist der naheliegendste Wechsel. Kein Tracking, keine personalisierte Filterblase, keine Verknüpfung deiner Suchdaten mit einem Profil über Gmail, YouTube und Android. Für die meisten Alltagssuchen liefert DuckDuckGo gleichwertige oder bessere organische Treffer – weil kein Ads-Interessenkonflikt die Ergebnisse verzerrt.
Brave Search geht einen Schritt weiter. Die Suchmaschine nutzt einen komplett eigenen Suchindex, statt im Hintergrund Google-Daten durchzureichen – und genau das ist der entscheidende Unterschied zu vielen angeblichen "Alternativen". Integrierter Tracking-Schutz, keine Werbung in den organischen Ergebnissen.
Ecosia verbindet Suche mit Zweck: Die Werbeeinnahmen fließen in Baumpflanzprojekte. Technisch basiert Ecosia auf Bing-Ergebnissen, aber ohne die aggressive Spam-Durchlässigkeit von Google. Der Datenschutz ist deutlich besser.
Falls du Google nicht ganz loslassen willst: Der site:-Operator durchsucht gezielt eine bestimmte Domain. Und mit -site:reddit.com -site:trustpilot.com kannst du die schlimmsten Spam-Quellen manuell ausschließen. AI Overviews lassen sich per Browser-Extension deaktivieren – ein Schritt, den Google dir absichtlich nicht leicht macht.
Der gemeinsame Nenner aller Alternativen: massiv besserer Datenschutz. Bei Google fließen deine Suchdaten in ein Profil, das über ein halbes Dutzend Google-Dienste hinweg alles mitschneidet. Bei DuckDuckGo, Brave und Ecosia passiert das nicht.
Quellen:
https://developers.google.com/search/docs/essentials/spam-policies?hl=de